Transzendentaler Vagabund

Seit dem Beginn meines kulturwissenschaftlichen Studiums, hat mich eine Art Ratlosigkeit befallen. Keine Maßstäbe waren mehr vorhanden. Die Subjektivität plötzlich nicht mehr meine Prämisse. Alles konnte ich vorher aus mir selbst heraus begründen, oft durch meine emotionalen Empfindungen untermauert.

Heute betrachte ich die Dinge aus so vielen Blickwinkeln, die meisten haben ihren Ursprung in der post-modernen Beliebigkeit meiner akademischen Ausbildung. Sobald man alles aus verschiedenen (akademischen) Kontexten heraus beurteilen kann, kann man nichts mehr beurteilen, solange man sich nicht der überzeugenderen Seite klar ist. Subjektivität kontra Akademismus. Doch ist schon alles überwunden und der wahre Wert scheint nur noch im Experiment zu liegen. Doch was kann das Experiment mehr sein als ein Versuch, der in dem Moment seiner Aufführung oder Veräußerung noch gar keine Wertigkeit besitzt? Alles was an uns als konsensuell wissenswert heran getragen wird ist dazu da, zurück zu denken; die Dinge aus ihrer Historizität heraus zu beurteilen. Historisch zu kontextualisieren. Durch die ubiquitäre Erreichbarkeit von Wissen und Information ist das heute schnell zu bewerkstelligen. Immer mit der wissenschaftlichen Objektivität im Nacken.

Ich bin ständig am suchen, nach etwas, das mir entspricht, mich berührt und mir eine Erkenntnis nahe legt. Das flanieren ist zu einem vagabundieren geworden; ist keine Ausnahme mehr, kein Vergnügen. Getrieben werde ich und das noch nicht mal durch die Suche nach dem Sinn, ich suche einen Unterschlupf, eine Herberge in der ich rasten kann. Um danach weiter durch die Informationsflut geschwemmt zu werden.

Ich empfinde mich als transzendentalen Vagabunden, habe keine Schule oder geistige Herkunft mehr, da alles überwunden scheint. Und doch lässt z.B. das evangelische Moralbewusstsein nicht los, gerade weil ich es verneinen will. Bin in der unendlichen Transmedialität vollkommen untergegangen und stecke nun in dem zähen, über Universitätsbibliotheken eingekochten Teer fest . Kann mich nur langsam bewegen, da von überall her ein Vektor an mir zieht.

Suchmaschinen, Testläufe und verquere Gehirne finden.

Micheal Wolf

Michael Wolf; Street View: A Series of Unfortunate Events 15

Michael Wolf

Michael Wolf; Street View: A Series of Unfortunate Events 19

Michael Wolf

Michael Wolf; Street View: A Series of Unfortunate Events 028

http://www.photomichaelwolf.com/intro/index.html

So What!

Es gibt Kleinigkeiten die mir etwas Bedeuten, mit dem Herzblut eines anderen geschaffene Stücke Kultur. Die, je besser ich sie kennen und dann auch lieben lerne, in mich einwachsen. Sie werden zu etwas wie Verlängerungen meines Körpers, angefügte Sinnesorgane, mit denen ich vorher verborgene Nuancen wahrnehmen kann. Ein Add-On durch das ich vielfach mehr lernen konnte, da es mir manche Erfahrungen und Gefühlsregungen erst ermöglichte.

Immer in Momenten in denen ich in einem schwebenden Zustand, wie auch immer geartet, jedoch meist zwischenmenschlich, war machte ich Bekanntschaft mit solchen Dingen. Sie kommen mir unter und haben für mich poetisches Potential. Ziehen mich in ihren Bann, jedoch nicht in der Art, dass ich sie permanent konsumieren müsste, dem Gefallen wegen, bis ich sie satt habe. Keine kurze Befriedigung, eher das Versprechen einer Beziehung. Oft fand ich das im Jazz. Allein das Wort zog mich in meiner Kindheit an, obwohl ich keinerlei Bezug dazu hatte. Keine Ahnung hatte, was es ausdrückt. Es war jedoch so attraktiv, das ich ihm nicht widerstehen konnte und mich daraufhin durch Plattencover grub. Weiterhin einfach der Anziehungskraft des nicht bewusst Wahrgenommenen folgend.

Das erste Stück Jazz das mich so unvermittelt traf war En Aranjuez Con Tu Amor von dem Monty Alexander Trio. Eine Interpretation des Concierto de Aranjuez, welches mir auf Sketches of Spain, eine der fabelhaften Kooperationen von Gil Evans und Miles Davis, wieder begegnete. (Sowie im laufe der Zeit natürlich noch von anderen Größen wie Paco de Lucia). In Monty’s Version verliebte ich mich jedoch schnell und sie wurde zu meiner Hymne. Ein Chorgesang meines mich treibenden Monologs. Sie war auch der erste Schritt neue Werte in der Kultur zu entdecken.

So What! ist auch so eine kleine Einheit. Da es eine der Nummern auf Miles Davis Kind of Blue und damit auch seiner bekanntesten Platte ist, kenne ich sie seit dem relativen Anfang meiner Interesse für ihn. Eines der Stücke das meine Stimmung illustrieren kann wie kaum ein anderes. Egal ob ich der Tendenz nach eher fröhlich oder müßig gestimmt bin, das Übereinanderstürzen der Melodien und Rhythmen, in einem bestimmten (modalen) Rahmen aber dennoch frei. Die verschiedenen Stimmen der Band, zu einer großen verschmelzend und damit den perfekten Ausdruck schaffend. Der Bass und das Schlagzeug, die Latenz der unteren Schichten. Er, sie, es, ihr, sie. Die Solisten und das Piano. Ich. Du. Wir. Und es prallt auf und ineinander, atmet durch und diskutiert. Das Wirbeln, nur kurze Momente an denen man sich festhalten kann. Diese Haltepunkte, Fragmente die meinen ganzen Eindruck bestimmen.

UrbanSlowmo

Das Tempo wird runtergedreht, die Lautstärke hoch. Es ist zu viel. Die Sonne steht schräg und blendet. Menschen auf Fahrrrädern, in Autos und zu Fuß folgen der alten evolutionären Regel. Ich stolpere fast ständig über Kinder oder Scheißhaufen. Der Kot auf den Strassen ist von Hunden, der Pissegeruch nicht. Noch einen tiefen Zug. Ich arbeite gegen das Tempo der Stadt, welches mit der Verengung der Straßen exponentiell anzusteigen scheint. Nehme meine Brille ab, genieße die verschwommenen Eindrücke und drücke auf Play. Hemlock!